Arbeitsgebiet Afrikanische Sprachen und Literaturen

Mit (geschätzten) 1000 – 2000 Sprachen ist Afrika der Kontinent mit einer der höchsten Sprachendichte weltweit. Der weitaus größte Teil der Forschung zu Sprachen in Afrika befasst sich mit dieser umfassenden Mehrsprachigkeit, die für einen Großteil von Menschen mit afrikanischen Wurzeln selbstverständlich ist.
Aus postkolonialer Perspektive sind Sprachen bereits in der Kolonialzeit zu Instrumenten geworden, um Menschen zu unterscheiden, klassifizieren, kontrollieren und regierbar zu machen. Dieser Begriff von Sprache gründet in intellektuellen und wissenschaftlichen Entwicklungen in Europa seit dem 18. Jahrhundert, in denen Sprache aus autonomer Bereich, ebenbürtig mit Natur und Kultur, konzipiert wird. Sprache wird mit der Kolonisierung der Welt zu einem Instrument der Differenzierung, der Zuschreibung und Stabilisierung von Ungleichheit. Vielfältige Auseinandersetzungen nehmen ihren Ausgangspunkt in unterschiedlichen Bewertungen von Sprache und deren Bedeutung, z. B. für politische Partizipation und Nationenbildung, in der Konstitution ethnifizierter Politik, in den von politischen Aktivisten heftig betriebenen und politischen Verantwortlichen stumm behinderten Versuchen, über Sprachplanung den Status von Sprachen anzugleichen. Im Bildungswesen geht es zentral darum, wem welcher Zugang zu sozialem Aufstieg, wirtschaftlichem Erfolg und politischem Einfluss gewährt wird.

Es ist mit der Realisierung, dass Mehrsprachigkeit nicht nur für Afrika, sondern mit zunehmender Globalisierung weltweit eine "new linguistic dispensation" darstellt, dass die neuere Forschung zu afrikanischen Sprachen sich mehr und mehr der ethnographischen Beobachtung von Sprachgebrauch zuwendet.

Die ethnographische Beobachtung von Interaktion zeigt zum Beispiel, dass Sprache nur Teil einer ganzen Bandbreite an Ressourcen ist, mit denen der Mensch sich ausdrückt, mit seiner Umwelt interagiert und damit Realität konstituiert. Mehrsprachige Menschen sind sich sehr wenig darüber bewußt, dass sie oft verschiedenste sprachliche Ressourcen benutzen, um in Schule, Alltag, Politik oder Religion zu interagieren. Darüber hinaus wird Sprache eine Performativität zugeschrieben, in der sprachliche und andere Symbole wesentlich "die Welt" konstituieren. Es sind linguistische und semiotische Ideologien, die eine Weltsicht erlauben, in denen z.B. auch Dinge sprechen oder Handlungen ausführen können. Was bereits in der Soziologie eines Bruno Latours (vgl. Akteur-Netzwerk-Theorie und Science & Technology Studies) zurückgewiesen wird, nämlich die Annahme einer exklusiven Handlungsmacht (agency) des Menschen, kann auch aus afrikanistischer Perspektive empirisch gezeigt werden.
Allerdings sind dies Arten und Weisen des Seins, die eng mit sachspezifischen diskursiven Regimes verbunden sind, d.h. hegemonial legitimierte Arten und Weisen des Sprechens, die verhindern, dass der/die Subalterne gehört wird, solange er/sie sich nicht den diskursiven Regimes des Westens unterwirft. Die Frage, wie "die Welt" zum Beispiel im Erzählen konstituiert wird, lässt sich nicht nur inhaltlich oder formal-stylistisch klären, sondern bedarf auch der Analyse von diskursiven Regimes und deren linguistischen/semiotischen Ideologien.
Die vielfältige Beobachtung von sprachlichen, medialen und digitalen Phänomenen, inclusive deren Ästhetiken, muss in solche theoretischen und wissenschaftskritischen Kontexte integriert werden. Obwohl sehr viel dazu publiziert wird, fehlen konzeptionell überzeugende Studien jenseits (oft sehr guter) deskriptiver Arbeiten noch weitgehend.

Lehre

Im Bachelor "Afrikastudien" befasst sich die Lehre im Bereich afrikanische Sprachen (und Literaturen) in erster Linie aus soziologischer und kulturwissenschaftlicher Perspektive mit Fragen des Sprachgebrauchs, deren ethnographischen Beschreibung und Analyse. Themen sind Kritische (postkoloniale) Linguistik, Sprachsoziologie und linguistische Anthropologie, mit den Themen (zB) linguistische Ideologien, Sprache und Identität, Sprache und Politik, Sprache und Bildung, Sprache und Schrift als Technologien, Mündlichkeit und Schriftlichkeit, Sprache und Medien/Sprache in den Medien, usw.
Dies schlägt sich in einer breiten Lehre nieder, mit einer Einführungsvorlesung "Sprachen in Afrika", sowie Beiträgen zu den Modulen "Kultur, Medien Technik", "Afrika regional I", "Afrika regional II", "Methoden". Hierbei werden unterschiedliche Seminare und Übungen angeboten, z.B. Postkolonialität, Interkulturalität, Sprache und Politik, etc.

Im Master "African Studies" liegt ein wichtiger Schwerpunkt auf linguistischer Anthropologie mit verschiedenen Fragestellungen, insbesondere wie diskursive Praktiken in medizinischen Kontexten Macht re/produzieren, die Rolle linguistischer Ideologien auf Wissens- und Realitätskonstruktionen, die interaktionale Konstitution von "Welt", Sprache, Schrift und Digitalität als Technologien. Dabei geht es immer auch um eine Reflexion darüber, wie Wissenschaft selber zu diesen Konstruktionen und Realitäten beiträgt.

Sprachlehre

Das Erlernen mindestens einer afrikanischen Sprache ist von großer Bedeutung – am Institut für Afrikastudien sind das Hausa und Swahili. Sprachen sind auch, aber nicht nur technische Instrumente, die Kommunikation ermöglichen. Sie erlauben auch einen privilegierten Zugang zu lokalen Wissensinventaren und deren Formen. Entsprechend beginnt der Sprachunterricht so früh wie möglich damit, nicht nur praktische Sprachfähigkeiten zu vermitteln, sondern auch Inhalte, die daran geknüpft sind: sprachwissenschaftliche Hintergründe, Geschichte der entsprechenden Regionen (jeweils West- und Ostafrika), Wirtschaft und Politik, Literatur, populäre Kultur, Stadtforschung, Journalismus. Ein ausgedehnter Sprach- und Studienaufenthalt in Dar es Salaam oder Niamey kann zu sehr guten Sprachkenntnissen führen (bis zum Level B3, bei entsprechendem Aufwand manchmal sogar C1). Während Hausa nur vier Semester studiert werden kann, wird der Swahili Unterricht bis zum 6. Semester fortgeführt. Im 6. Semester haben die Studierenden die Möglichkeit (und manchmal auch die Fähigkeit) ihre Hausarbeit in Swahili zu schreiben.

Im Master haben die Studierenden die Möglichkeit, entweder die Grundkurse zu besuchen, oder bei entsprechend vorhandenen Kenntnissen fortgeschrittene Sprachlehre in enger Verbindung mit den thematischen Angeboten (Stadt, populäre Kultur, Geschichte) zu belegen.

Forschung

Siehe die Profile der jeweiligen Mitarbeiter des Bereiches Sprachen und Literaturen.